
Aso… aso… es isch eso…
…Fliegen ist eigentlich ganz einfach.
Man muss wissen, wo man hin will.
Dann zeigt man mit dem Flugzeug dorthin.
Und fliegt hin.
Fertig.
Das dachte ich zumindest.
Bis Möbi kam.
Mit seinem Notizblock.
Das ist grundsätzlich kein gutes Zeichen.
Denn wenn Möbi mit seinem Notizblock kommt, wird etwas, das vorher völlig logisch war, innerhalb weniger Minuten kompliziert.
„Winnie, welches Heading fliegst du?“
„090.“
„Und dein Track?“
Ich schaute ihn an.
„Auch 090.“
„Nein.“
Aha.
Das ging schnell.
„Warum nein?“
„Weil du Seitenwind hast.“
Ich schaute aus dem Fenster.
Da war tatsächlich Wind.
Also…
…man sah ihn natürlich nicht.
Aber ich wusste, dass er da war.
Weil Möbi gesagt hatte, dass er da war.
Und Möbi hat einen Notizblock.
Das erhöht die Glaubwürdigkeit enorm.
„Dein Heading ist 090 Grad“, erklärte Möbi.
„Sag ich doch.“
„Aber dein Track ist 100 Grad.“
…
Ich habe kurz überlegt.
Dann habe ich beschlossen, dass das nicht geht.
„Möbi.“
„Ja?“
„Ein Flugzeug kann nicht gleichzeitig nach 090 und 100 Grad fliegen.“
„Doch.“
„Nein.“
„Doch.“
„Möbi! Ein Flugzeug ist EIN Flugzeug!“
Möbi seufzte.
Dann erklärte er es.
Und weil ich finde, dass ihr ebenfalls darunter leiden sollt…
…erkläre ich es euch jetzt auch.
HEADING
Das Heading ist die Richtung, in welche die Nase des Flugzeugs zeigt.
Wenn auf meinem Heading 090° steht, zeigt die Flugzeugnase nach Osten.
Das ist zunächst einmal sehr beruhigend.
Zumindest so lange, bis der Wind kommt.
Denn dem Wind ist völlig egal, wohin meine Nase zeigt.
Er schiebt einfach das ganze Flugzeug zur Seite.
Unverschämt.
TRACK
Der Track ist die Richtung, in die sich das Flugzeug tatsächlich über dem Boden bewegt.
Und genau deshalb können Heading und Track unterschiedlich sein.
Ich kann beispielsweise ein Heading von 090° fliegen…
…aber wegen Seitenwind einen Track von 100° über Grund haben.
Meine Nase zeigt also nach 090°.
Mein Flugzeug bewegt sich aber tatsächlich entlang 100°.
Das bedeutet:
Ich schaue nach Osten…
…und verschwinde langsam nach rechts.
Das kann ich übrigens auch beim Spazieren.
Vor allem, wenn links eine Bäckerei ist.
„Gut“, sagte ich.
„Dann habe ich jetzt Heading und Track.“
„Es gibt noch den Course.“
Natürlich.
Warum sollte es auch einfach bleiben?
COURSE
Der Course ist die gewünschte beziehungsweise vorgegebene Linie, der ich über Grund folgen möchte.
Nehmen wir an, ich möchte von meinem jetzigen Punkt zu einem anderen Punkt fliegen und die gewünschte Strecke verläuft auf 090°.
Dann ist mein gewünschter Course 090°.
Wenn jetzt aber Wind von links kommt, kann es sein, dass ich die Nase etwas nach links in den Wind drehen muss.
Vielleicht fliege ich dann beispielsweise:
Heading 080°
damit mein tatsächlicher
Track 090°
wird und ich damit meinem
Course 090°
folge.
Ich hielt inne.
„Aso…“
Möbi wartete.
„…ich muss also manchmal absichtlich in die falsche Richtung schauen, damit ich in die richtige Richtung fliege?“
„Vereinfacht gesagt: ja.“
Fliegerei.
Man muss sie lieben.
Aber Möbi war noch nicht fertig.
Natürlich nicht.
„Jetzt fehlt noch das Bearing.“
Ich habe den Kopf auf den Tisch gelegt.
Nur kurz.
BEARING
Das Bearing beschreibt die Richtung von meiner Position zu einem bestimmten Punkt.
Zum Beispiel zu einem Funkfeuer, einem Wegpunkt oder einem anderen Navigationsziel.
Angenommen, irgendwo rechts vor mir liegt ein VOR.
Dann kann das Bearing zu diesem VOR beispielsweise 120° betragen.
Das bedeutet aber noch lange nicht, dass ich Heading 120° fliegen muss.
Denn vielleicht möchte ich das VOR gar nicht direkt anfliegen.
Vielleicht soll ich einem bestimmten Course folgen.
Vielleicht habe ich Wind.
Vielleicht soll ich eine bestimmte Route abfliegen.
Oder vielleicht…
…habe ich inzwischen überhaupt keine Ahnung mehr, wo ich bin.
Was bei mir durchaus vorkommen kann.
Ich nahm also Möbis Notizblock.
Und schrieb:
Heading = Wohin zeigt meine Nase?
Track = Wohin bewege ich mich tatsächlich?
Course = Welcher Linie möchte oder soll ich folgen?
Bearing = In welcher Richtung liegt mein Ziel von mir aus gesehen?
Ich betrachtete meine Notizen.
Dann betrachtete ich Möbi.
Dann wieder meine Notizen.
„Möbi?“
„Ja?“
„Und warum muss ein Pilot das alles wissen?“
Er zeigte auf die Instrumente.
„Weil du beim Fliegen nicht einfach ungefähr irgendwohin fliegst. Du musst wissen, wo du bist, wohin du willst, welcher Linie du folgen sollst und wie Wind deine tatsächliche Flugbahn beeinflusst.“
Das leuchtete ein.
Vor allem beim Anflug.
Denn wenn ich beispielsweise eine Piste anfliegen möchte, reicht es nicht, irgendwo in Richtung Flughafen zu zeigen und zu sagen:
„Da vorne ist sie!“
Beim Instrumentenflug kann ich beispielsweise einem Localizer folgen, der mich auf die verlängerte Mittellinie der Landebahn führt.
Und da wird der Unterschied plötzlich ziemlich wichtig.
Denn ich möchte nicht nur, dass meine Flugzeugnase ungefähr in Richtung Piste zeigt.
Ich möchte, dass sich mein Flugzeug auf der richtigen Linie zur Piste bewegt.
Bei Seitenwind kann deshalb auch im Endanflug die Nase etwas gegen den Wind zeigen…
…während mein Track weiterhin entlang der Pistenachse verläuft.
Und genau deshalb sieht man manchmal Flugzeuge im Anflug, die ein wenig „schräg“ daherkommen.
Die Piloten haben sich nicht verflogen.
Sie machen das absichtlich.
Meistens jedenfalls.
Ich schaute Möbi an.
„Aso… dann fasse ich zusammen.“
Er nickte.
„Meine Nase kann in eine Richtung zeigen.“
„Ja.“
„Das Flugzeug kann sich in eine andere Richtung bewegen.“
„Ja.“
„Ich kann einer dritten Richtung folgen wollen.“
„Im Prinzip ja.“
„Und mein Ziel kann nochmals in einer anderen Richtung liegen.“
„Richtig.“
Ich schwieg.
Lange.
Dann sagte ich:
„Und ihr wundert euch, warum ich lieber auf dem Sofa liege?“
Möbi nahm mir seinen Notizblock wieder weg.
Winnie out.
PS: Falls ihr euch Heading und Track nicht merken könnt:
Heading ist das, was die Nase behauptet.
Track ist das, was das Flugzeug tatsächlich macht.
Ein bisschen wie bei mir.
Ich behaupte morgens auch häufig, dass ich arbeiten gehe.
Mein tatsächlicher Track führt dann aber erstaunlich oft zum Schafuccino.
PPS: Hilde bezeichnet das übrigens als „erhebliche Abweichung vom geplanten Course“.
PPPS: Ich nenne es Windkorrektur.
PPPPS: Hilde sagt, im Wohnzimmer gebe es keinen Wind.
PPPPPS: Seit wann ist Hilde eigentlich Meteorologin?

Kommentar verfassen