Winnie mit Zipfelmütze und Aluhut vor einem Flugzeug zum Thema Chemtrails, Kondensstreifen und kritisches Denken

✈️ Chemtrails – oder warum ich plötzlich einen Aluhut brauchte

…und warum die spannendste Frage vielleicht gar nicht ist, was hinten aus einem Flugzeug kommt.

Liebes Flugtagebuch,

Aso… aso… es isch eso…

…ich habe einen neuen Auftrag und muss arbeiten.

Also…

…eigentlich habe ich ihn mir selber gegeben.

Ich bin ja nicht nur irgendwo tätig.

Ich arbeite schliesslich hier.

Auf Gerrys Flugsimulations-Blog.

Journalistisch.

Investigativ.

Und manchmal sogar mit Internet.

Heute wollte ich einen Beitrag über Flugzeuge schreiben.

Etwas Fachliches.

Etwas Seriöses.

Vielleicht über Tragflächen.

Oder Triebwerke.

Oder darüber, warum Piloten vor dem Start so viele Knöpfe drücken, obwohl das Flugzeug nachher sowieso nur geradeaus fliegt.

Dann stiess ich auf etwas anderes.

Chemtrails.

Ich kannte das nicht.

Also fragte ich Hilde, meine Frau .

„Hilde, weisst du, was Chemtrails sind?“

„Nein.“

Gut.

Damit waren wir wissenschaftlich ungefähr gleich weit.

Was kommt da eigentlich aus dem Flugzeug?

Also begann ich zu recherchieren.

Offenbar gibt es Menschen, die überzeugt sind, dass Flugzeuge nicht einfach Kondensstreifen hinterlassen.

Nein.

Da oben wird etwas versprüht.

Absichtlich.

Von Flugzeugen.

Im Geheimen.

Und zwar offenbar so geheim…

…dass man die Spuren kilometerweit am Himmel sehen kann.

Ich gebe zu:

Das fand ich mutig.

Wenn ich etwas geheim machen wollte, würde ich vermutlich nicht als Erstes eine riesige weisse Linie über den halben Kanton ziehen.

Aber gut.

Ich bin kein Geheimdienst.

Also las ich weiter.

Und dann wurde es interessant.

Denn natürlich gibt es Erklärungen dafür, warum hinter Flugzeugen weisse Streifen entstehen.

Warme, feuchte Triebwerksabgase treffen dort oben auf sehr kalte Luft.

Wasserdampf kondensiert und gefriert.

Es entstehen winzige Eiskristalle.

Je nachdem, wie feucht und kalt die Luft dort oben ist, verschwinden diese Streifen schnell…

…oder sie bleiben länger bestehen und können sich sogar ausbreiten.

Eigentlich ziemlich unspektakulär.

Physik halt.

Ich dachte:

Problem gelöst.

War es aber nicht.

„Das erzählen sie dir nur!“

Ich wollte meinen Beitrag schon schreiben.

Doch dann entdeckte ich etwas Merkwürdiges.

Es gab Menschen, denen diese Erklärung überhaupt nicht gefiel.

„Das erzählen sie dir nur!“

Aha.

Also suchte ich weiter.

Messungen.

Meteorologie.

Erklärungen zur Atmosphäre.

Flugzeugtechnik.

Alles da.

Doch je mehr Erklärungen ich fand…

…desto weniger schienen sie bei manchen Menschen zu bewirken.

Und plötzlich verstand ich:

Hier ging es überhaupt nicht mehr um Flugzeuge.

Es ging um etwas ganz anderes.

Wenn jemand bereits fest davon überzeugt ist, dass dort oben heimlich etwas versprüht wird, dann passiert nämlich etwas ziemlich Praktisches.

Jede Erklärung dagegen…

…kann ebenfalls Teil der Verschwörung werden.

Ein Pilot sagt:

„Wir versprühen nichts.“

Natürlich sagt der das.

Ein Wissenschaftler erklärt Kondensstreifen.

Der steckt mit drin.

Ein Flugzeugtechniker zeigt, wie ein Triebwerk funktioniert.

Auch gekauft.

Eine Wetterforscherin erklärt, weshalb manche Kondensstreifen lange sichtbar bleiben.

Vertuschung.

Ich sass vor meinem Computer.

Und dachte nach.

Das war genial.

Nicht die Chemtrails.

Sondern das System.

Denn wenn jeder Beweis gegen meine Behauptung automatisch zum Beweis für meine Behauptung wird…

…kann ich niemals falschliegen.

🐑 Der Hilde-Test

Ich könnte zum Beispiel behaupten:

Hilde ist in Wirklichkeit ein Geheimagent.

Hilde würde sagen:

„Spinnst du?“

Ha!

Genau das würde ein Geheimagent sagen.

Sie könnte mir ihren Ausweis zeigen.

Gefälscht.

Möbi könnte bestätigen, dass Hilde kein Geheimagent ist.

Mitwisser.

Pfüddi könnte sagen:

„Mmpff.“

Gut…

…bei ihm wäre die Beweislage etwas schwieriger.

Aber ihr versteht das Problem.

Und plötzlich ging es nicht mehr um Chemtrails

Ich lehnte mich zurück.

Und da fiel mir ein Buch ein, das Gerry geschrieben hat:

„Du hältst dich für wach.“

Ich glaube, langsam verstehe ich den Titel.

Wach sein bedeutet nämlich offenbar nicht einfach, die Augen offen zu haben.

Und auch nicht, grundsätzlich allem zu misstrauen.

Vielleicht bedeutet wach sein sogar etwas viel Unbequemeres:

Auch dem eigenen Denken misstrauen zu können.

Sich zu fragen:

Woher weiss ich das eigentlich?

Habe ich das überprüft?

Oder habe ich irgendwann etwas gehört…

…das zu etwas anderem passte, das ich bereits glaubte…

…und seitdem sammle ich hauptsächlich Dinge, die mir bestätigen, dass ich recht habe?

Denn genau da wird es schwierig.

Wir Menschen suchen nämlich nicht automatisch nach der Wahrheit.

Manchmal suchen wir einfach nach Bestätigung.

Und je länger wir etwas glauben, desto schwerer wird es, einen Gedanken überhaupt noch an uns heranzulassen, der unser schönes fertiges Bild durcheinanderbringen könnte.

Das Verrückte daran:

Währenddessen können wir vollkommen überzeugt sein…

…dass wir diejenigen sind, die besonders kritisch denken.

Vielleicht ist deshalb die spannendste Frage bei Chemtrails gar nicht:

„Was kommt dort hinten aus dem Flugzeug?“

Sondern:

„Was passiert hier vorne in meinem Kopf?“

✍️ Mein neuer Fachbeitrag

Ich habe meinen Beitrag für diesen Flugsimulations-Blog übrigens fertig.

Er besteht momentan aus einem einzigen Satz:

„Bevor du herausfinden willst, was am Himmel versprüht wird, überprüfe zuerst, was man dir im Kopf hinterlassen hat.“

Möbi meinte allerdings, der Satz sei etwas provokativ.

Deshalb habe ich ihn geändert:

„Kondensstreifen bestehen hauptsächlich aus Eiskristallen.“

Das ist sachlicher.

Und vermutlich völlig wirkungslos.

Aber immerhin weiss ich jetzt, was wirklich hinter Chemtrails steckt.

Psychologie.

Und erstaunlich viel Internet.

✈️ Was Kondensstreifen wirklich sind

Das weisse Zeug hinter einem Flugzeug nennt man Kondensstreifen.

Auf Englisch:

Contrail = Kondensstreifen
Contrails = Kondensstreifen in der Mehrzahl

Bei der Verbrennung von Kerosin entstehen unter anderem Kohlendioxid und Wasserdampf.

In Reiseflughöhe ist es ziemlich kalt – häufig etwa minus 40 bis minus 60 Grad Celsius.

Die warmen, feuchten Abgase aus den Triebwerken vermischen sich mit dieser eiskalten Umgebungsluft. Dabei kondensiert der Wasserdampf an winzigen Partikeln und gefriert zu kleinen Eiskristallen.

Und genau diese Eiskristalle sehen wir vom Boden aus als weisse Streifen.

Ob sie nach kurzer Zeit wieder verschwinden oder minuten- bis stundenlang bestehen bleiben und sich dabei sogar stark verbreitern, hängt vor allem von Temperatur und Feuchtigkeit der Luft in dieser Höhe ab.

Deshalb kann ein Flugzeug einen langen Streifen hinterlassen…

…während ein anderes scheinbar keinen hat.

Oder ein Kondensstreifen plötzlich beginnt oder aufhört.

Die Atmosphäre ist dort oben nämlich nicht überall gleich.

Eigentlich ziemlich faszinierend.

Ganz ohne geheime Tanks.

Ich wollte übrigens wissen, ob man Kondensstreifen auch mit Schafuccino erzeugen kann.

Möbi hat das Experiment vorsorglich verboten.

🔎 Woher kommt eigentlich die Chemtrail-Geschichte?

Einen einzelnen Menschen, der eines Morgens aufgestanden ist und gesagt hat:

„So. Heute erfinde ich Chemtrails.“

…scheint es nicht zu geben.

Eine wichtige frühe Spur der heutigen Chemtrail-Erzählung führt ins Jahr 1999 zum Journalisten William Thomas.

Eine wissenschaftliche Untersuchung von Dustin Tingley und Gernot Wagner bezeichnet seinen damaligen Online-Text als möglicherweise einen der ersten, der Kondensstreifen mit angeblichem chemischem Versprühen in Verbindung brachte.

Ein Dokument, das dabei immer wieder auftaucht, stammt aus dem Jahr 1996 und trägt den bemerkenswerten Titel:

„Weather as a Force Multiplier: Owning the Weather in 2025“

Es entstand im Umfeld der US Air Force und beschäftigte sich als Zukunftsszenario mit möglichen militärischen Anwendungen von Wetterbeeinflussung.

Das Dokument existiert tatsächlich.

Was daraus allerdings nicht folgt:

Dass Verkehrsflugzeuge deshalb heimlich Chemikalien über unseren Köpfen versprühen.

Ende der 1990er verbreiteten sich entsprechende Behauptungen zunehmend – unter anderem über das damals noch junge Internet, Publikationen und amerikanische Radiosendungen.

Namen, die im Zusammenhang mit der frühen Verbreitung immer wieder auftauchen, sind beispielsweise William Thomas und der Radiomoderator Art Bell.

Und dann geschah etwas, das für unser eigentliches Thema ziemlich spannend ist:

Es wurden Dinge miteinander verbunden, die für sich genommen teilweise tatsächlich existieren.

Wetterbeeinflussung?

Gibt es.

Zum Beispiel Cloud Seeding.

Forschung über eine mögliche technische Beeinflussung des Klimas?

Gibt es ebenfalls.

Stichwort Geoengineering beziehungsweise Solar Radiation Modification.

Militärische Überlegungen zur Wetterbeeinflussung?

Hat es gegeben.

Weisse Streifen hinter Flugzeugen?

Gibt es sowieso.

Aber:

Dass A existiert, B tatsächlich erforscht wurde und C am Himmel sichtbar ist…

…beweist noch lange nicht, dass A + B + C dieselbe Sache sind.

🔍 Glaubt Winnie nicht

Und genau hier wird es wieder interessant.

Denn jetzt könntet ihr natürlich einfach Winnie glauben.

Das wäre allerdings ziemlich bescheuert.

Vor allem nach einem Beitrag darüber, wie leicht wir Menschen Dinge glauben. Das war aber in meinem anderen Blog…guckst du „Winniversum“.

Deshalb:

Glaubt mir nicht.

Sucht selber.

Sucht nach:

„Weather as a Force Multiplier: Owning the Weather in 2025“

„William Thomas chemtrails 1999“

„Art Bell chemtrails“

Cloud Seeding

Geoengineering

Solar Radiation Modification

Und sucht anschliessend auch nach wissenschaftlichen Erklärungen zu Contrails beziehungsweise Kondensstreifen.

Aber macht etwas ganz Entscheidendes:

Sucht nicht nur nach Informationen, die bestätigen, was ihr ohnehin schon glaubt.

Sucht ganz bewusst auch nach solchen, die eure eigene Meinung widerlegen könnten.

„Aber das Internet ist doch sowieso manipuliert!“

Und bevor jetzt jemand sagt:

„Ha! Aber das Internet ist doch sowieso manipuliert. Google zeigt dir nur, was du sehen sollst!“

…stimmt.

Zumindest teilweise.

Suchmaschinen entscheiden tatsächlich, welche Ergebnisse sie euch zuerst zeigen.

Algorithmen sortieren.

Plattformen empfehlen Inhalte.

Quellen können falsch sein.

Menschen können lügen.

Unternehmen verfolgen Interessen.

Und auch Behörden und Wissenschaftler können sich irren.

Deshalb bedeutet selber recherchieren eben nicht:

Google öffnen, den ersten Treffer anklicken und fertig.

Es bedeutet:

Quellen miteinander vergleichen.

Wer behauptet etwas?

Woher hat er seine Information?

Gibt es die ursprüngliche Quelle noch?

Kann ich beispielsweise das erwähnte Dokument „Weather as a Force Multiplier: Owning the Weather in 2025“ tatsächlich finden und selber lesen?

Was steht dort wirklich?

Und was behauptet jemand nur, dass dort stehen würde?

Gibt es voneinander unabhängige Quellen?

Gibt es Quellen, die meiner eigenen Meinung widersprechen?

Und jetzt kommt der schwierige Teil:

Wenn ich sage…

„Allen Quellen, die meiner Überzeugung widersprechen, kann man nicht trauen, weil sie manipuliert sind.“

…habe ich ein Problem.

Denn dann gibt es überhaupt keine Information mehr, mit der ich meine Überzeugung überprüfen könnte.

Alles, was mir recht gibt, ist ein Beweis.

Alles, was mir widerspricht, ist Manipulation.

Damit habe ich meine Überzeugung so gebaut, dass sie gar nicht mehr falsch sein kann.

Und spätestens dann recherchiere ich nicht mehr.

Ich suche nur noch nach Bestätigung.

Fazit – vielleicht ist das die eigentliche Frage

Natürlich kann auch das, was ihr gerade hier lest, falsch sein.

Schliesslich hat es ein Schaf geschrieben.

Deshalb:

Glaubt mir nicht.

Überprüft mich.

Und falls ihr danach feststellt, dass ich Blödsinn erzählt habe…

…sagt es Gerry.

Ich bin dann vermutlich gerade nicht da.

Denn vielleicht beginnt genau dort das, worum es in Gerrys Buch „Du hältst dich für wach“ eigentlich geht:

Wach sein bedeutet nicht, alles anzuzweifeln.

Wach sein bedeutet, auch das anzuzweifeln, von dem man selbst vollkommen überzeugt ist.

Und jetzt…

…müsst ihr selber weiterdenken.

Ich habe genug gemacht.

Ausserdem muss ich dringend überprüfen, warum Hilde seit drei Minuten in der Küche ist.

Das ist verdächtig.

✈️ Winnie out.


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